Vision

Die Arbeit der EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ besteht aus den Komponenten der Konzertpraxis und ihrer wissenschaftlichen Begleitung. Sie dienen dem zentralen Anliegen des Künstlerischen Leiters der ECA: den Kulturriss und die Krise des Chorgesangs zu überwinden, die durch den Missbrauch des Singens durch die Nazis entstanden waren. Prof. Daus arbeitet daran, das Singen als gesellschaftliche Kraft neu und kräftiger denn je zu positionieren.
In Görlitz, also im Herzen Europas, liegen etliche Wunschorte der ECA – das alte Haus, das Sängerinnen und Sänger während der Probenphasen beherbergt, Verwaltungsräume nahe der Peter-und-Paul-Kirche. Die Akademisten fahren zu jeder Probe über die Neiße-Brücke nach Polen am Rand von Zgorzelec zum Meeting Point Music Messiaën, wo auch Platz für Konzerte ist. Der französische Komponist Olivier Messiaën war hier im Stalag VIII-A, einem Kriegsgefangenenlager der Nazis, interniert. Sein „Quatuor pour la fin du temps“ wurde 1940/41 hier komponiert und uraufgeführt.

Aber es gibt noch weiter reichende Visionen, für die in Görlitz, bei der EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ, und bei den Freunden des Projekts derzeit Grundsteine gelegt werden und die auch im politischen Berlin unterstützt werden. Aktuell wird die Görlitzer Stadthalle, ein einzigartiges Jugendstil-Juwel von 1910, grundsaniert. Hier und da flüstert man schon den möglichen Namen „Via Regia Philharmonie“. Auch die Alte Synagoge wird bald wieder als Kulturforum für Konzerte genutzt werden können. Beides sind Ankerpunkte für ein Musikfestival. Eines in der großen Tradition der Schlesischen Musikfeste, wie sie seit 1876 in Görlitz stattfanden. Eines, das umgebende Kulturlandschaft einbindet – der längst überfällige Fokus auf eine kulturreiche Region im Aufbruch.

Früher war es nicht ungewöhnlich, dass die Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler nach Görlitz reisten. Die EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ kann solche Traditionen fortsetzen, sie hat schon immer mit bedeutenden Dirigenten und Orchestern gearbeitet: Sylvain Cambreling, Michael Gielen, Rafael Frühbeck de Burgos, Kent Nagano, Fabio Luisi, Gerd Albrecht, Plácido Domingo, Ingo Metzmacher, Sir Simon Rattle oder Sir Jeffrey Tate. Auftritte führten sie u.a. in die Carnegie Hall in New York, zum Festival in Aix-en-Provence und nach China. Die Aufnahme von Schönbergs „Moses und Aron“, dirigiert 2012 von Sylvain Cambreling, wurde für einen Grammy nominiert.

Sir Jeffrey Tate und die „Symphoniker Hamburg – Laeiszhalle Orchester“ haben eine langfristige Zusammenarbeit mit der Chor-Akademie vereinbart, die dessen Nachfolger Sylvain Cambreling als neuer Chefdirigent der Symphoniker weiterführt – als Residenzchor des Orchesters in der Hamburger Laeiszhalle und mit Auftritten in der Elbphilharmonie. Die Symphoniker Hamburg waren zu ersten Projekten in Zgorzelec. Die Akademie hat außerdem Kooperationen mit polnischen Hochschulen begründet.

Die EUROPA CHOR AKADEMIE GÖRLITZ zeigt, wie attraktiv kulturelle Aktivitäten eine Stadt machen können. In einer Zeit strukturellen Wandels ist eine solche Vitalisierung zur pulsierenden musikalischen Keimzelle für die Region Görlitz/Zgorzelec ein logischer Schritt. Einer, der Künstler aus aller Welt anlockt und dafür sorgt, dass die Region wieder ins Scheinwerferlicht rückt. Und einer, der helfen wird, gegen alte Grenzen und neu aufkommenden Nationalismus anzuarbeiten. Denn hier ist Europa nicht nur ein Wort.

Text: Hans-Juergen Fink / Adaption: Daniela Daus