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Joshard Daus im Interview
Was ist Ihre eindrücklichste Erinnerung aus Ihrer Kindheit?
Das Elterhaus. Die Familie ist die Wurzel für das, was wir in der Gesellschaft erleben. Ich halte es für eine der wesentlichen Quellen unserer Kraft.
Was ist Ihr Eindruck von der Gegenwart?
Es besteht ein Spannungsfeld zwischen beruflicher Arbeit, Wahrnehmung der eigenen Familie und der politischen Gegenwart. Diese Bereiche sind eng miteinander verknüpft.
Die augenblickliche Situation zeigt keine Verwurzelung von Bildung, Religion und Kultur, sondern ist stark marketingorientiert und oberflächlich.
Es wäre schön, wenn meine Vorstellung von pädagogischer Arbeit dazu führen könnte, dass in der Schule wieder ein Prozess stattfindet, der mehr Menschen Musik erleben lässt. Daraus ergeben sich wiederum Maßstäbe für die Entwicklung der eigenen Kinder, für das Engagement in der Gesellschaft und für die Weiterentwicklung der Gesellschaft.
Was war Ihr größter Erfolg?
Eine der bedeutendsten Begegnungen war meine Zusammenarbeit mit Sergiu Celibidache. Die Arbeit mit dem Bach Ensemble und Celibidache, die Zusammenarbeit meines Chores mit den Münchener Philharmonikern in der Erarbeitung der H-moll Messe von Bach waren tief greifende Erlebnisse und persönliche sowie berufliche Erfolge.
Was war Ihr größter Misserfolg?
Also einen richtigen Misserfolg habe ich noch nicht gehabt. Ich hab natürlich Stürze gehabt, die aber immer sofort zur Weiterentwicklung geführt haben.
In meinen Anfängerjahren hatte ich meine erste Position in Rotenburg an der Wümme. Der damalige Oberkreisdirektor verwöhnte mich unglaublich. Ich konnte machen, was ich wollte, das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Ich konnte Räume einrichten, bekam ein eigenes Haus für die Kreismusikschule, konnte einen eigenen Konzertsaal anbauen, einen Flügel kaufen, also unvorstellbare Möglichkeiten. Besetzung von Stellen, auch Musiklehrer, waren kein Problem,
Dann wurde ich Direktor der Musikschule in Hamm in Westfalen, und gleichzeitig städtischer Musikdirektor. Der dort etablierte Apparat mit einem einzigartigen Neubau in Deutschland war damals eine sehr hochrangig angesetzte und platzierte Schule in Deutschland.
Ich war ein wirklich vitaler, junger Himmelsstürmer, der auch geprägt war durch die 68er Zeit, obwohl selber eher konservativ. Als ich dann in die Provinz kam, wirkte ich wie ein Revolutionär. Dieses Spannungsfeld konnte ich damals noch nicht verarbeiten und habe dann die Konsequenz gezogen und die Schulleitung abgegeben. Die künstlerische Tätigkeit des städtischen Musikdirektors habe ich beibehalten und weiterentwickelt.
Dann bin ich nach Bremen gegangen, um hier die Musikschule im Konservatorium zu leiten. Diese erneute Schwierigkeit, mit einem etablierten Apparat zu arbeiten und lieber künstlerisch wirken zu wollen, hat dann dazu geführt, dass ich diesen Bereich beendete und mich ganz auf die künstlerische Arbeit konzentrierte.
Der wichtigste Schritt, um meine Vorstellungen zu realisieren war sicher der Lehrstuhl in Mainz, der mir die absolute Freiheit als Basis der künstlerischen Weiterentwicklung bietet.
Was schätzen Ihre Freunde an Ihnen?
Absolute Verlässigkeit und ich glaube, die Kompetenz im musikalischen Bereich und vielleicht die Originalität in den Ideen.
Was sagen Ihre Feinde Ihnen nach?
Meine Durchsetzungskraft wird manchmal kritisch gesehen, aber meine Projekte erfordern Disziplin und harte Arbeit.
Was ist Ihre größte Leidenschaft?
Ich halte mich für einen sinnlichen Menschen, der in allen Bereichen das Erlebnis sucht, sowohl in der Musik als auch im Kulinarischen oder auf Reisen.
Was ist Ihre größte Unart?
Ich bin sehr ungeduldig und kann große Kleinigkeiten lange speichern.
Was ist Ihnen angenehm?
Ich brauche ein absolut stimmiges Umfeld. Ich liebe Qualität über alles, auch in kleinsten Dingen und bin schon durch unangenehme Antikräfte zu irritieren.
Was ist Ihnen peinlich?
Das Gefühl kenne ich nicht.
Wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?
Das ist aber eine interessante und gefährliche Frage – Ich will gerne versuchen, Ihnen das zu beantworten.
Also, ich könnte die Frage so beantworten: Wir sind verabredet im Flughafen und haben uns vorher nicht gesehen, dann sage ich: Machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden mich sofort erkennen.
Im Herbst 2002 wurden Sie zum Direktor der Sing-Akademie zu Berlin berufen. Eine Institution, die 212 Jahre alt ist und deren Leitung im Laufe der Geschichte so große Namen wie Carl Friedrich Christian Fasch, Carl Friedrich Zelter und Georg Schumann inne hatten. Wie fühlt man sich als neuer Direktor einer so ehrwürdigen Einrichtung?
Ich habe mich in meinem Leben in Hunderten von Einführungen zu Konzerten und Grundsatzreferaten auf die Sing-Akademie zu Berlin berufen, weil ich mich mit dieser Idee einer Bürgerinitiative, die sich gegründet hat, um Kultur zu organisieren und die dann im Spannungsfeld zur Humboldt-Universität für die Welt Maßstäbe gesetzt hat – damit identifiziere.
Ich empfinde das als geradezu schicksalhaft, diese große Institution in eine neue Dimension zu führen. Man darf nicht vergessen, dass die Sing-Akademie zu Berlin im Moment nicht in dieser erstklassigen Verfassung ist, wie die Geschichte sie beschreibt. Sie muss wirklich erneuert werden. Eine besondere Bedeutung hat das Archiv, das zurückgekommen ist aus Kiew mit 6000 Partituren, ehemals Beutekunst, und das Potential des Gebäudes.
Die Berliner Morgenpost schreibt in der Rezension zu der Stabat Mater Aufführung im Berliner Dom, im Herzen seien Sie ein Sängerdirigent!
Ja, mein Vater war Opernsänger. Ich bin mit dem Vokalen groß geworden. Ich glaube, dass da die Entwicklung meiner nächsten Jahre liegen wird und dass ich dem Orchester noch mehr Vokalqualität abverlangen werde. Für mich ist die Stimme, das Vokale, der größte Sinnenreiz.
Ebenfalls schreibt dasselbe Blatt von „maroden Berliner Kulissen“ hinter denen Sie die Fäden zu ziehen hätten. Wie erleben Sie das?
Also man muss hier erst einmal zwei Ebenen trennen. Berlin besitzt Bundesinstitutionen. Dazu gehört die Stiftung „Preußischer Kulturbesitz“, seine Länder- und Bundeseinrichtungen, und es ist Sitz des Bundeskultusministers, der dem Bundeskanzler zugeordnet ist. Diese Institutionen erlebe ich beide als absolut erstklassig und integer.
Die andere Seite ist das Land Berlin, das auch nach Jahren immer noch die Problematik des Zusammenwachsens erlebt. Das Land ist hoch verschuldet, 50 Milliarden Euro. Trotzdem erwartet man von Berlin, dass es eine Metropole wie Paris und London wird. Diese Metropolen sind aber wirklich die Zentralen der Länder und können alle Geldmittel auf sich konzentrieren.
Wir haben, Gott sei Dank, einen Föderalismus, d.h., Kultur und Bildung lassen sich bei uns nicht einfach zentralisieren, sondern unsere Bundesländer haben ihre eigenen Strukturen, die sie nicht aufgeben werden. In diesem Spannungsfeld hat Berlin unglaublich Probleme, seine eigene Entwicklung nach vorne zu treiben. Anspruch, Forderungen und Möglichkeiten sowie die vorhandenen Strukturen müssen zusammenpassen.
Wenn man Ihre Programme der letzten Jahre verfolgt, dann fällt auf, dass Sie sich sehr intensiv mit geistlichen Oratorien beschäftigen, die Sie allerdings in der Regel nicht in sakralen Räumen aufführen.
Ich musiziere nicht im liturgischen Kontext, weil ich mich nicht als Kirchenmusiker sehe, sondern als Konzertdirigenten im Chor-Orchesterbereich, also Chorsinfonik. Die größte Literatur in diesem Bereich ist geistlich geprägt und für mich ist der geistliche Hintergrund, auch textlich, besonders anspruchvoll.
Am meisten reizt mich die französische Entwicklung im deutschsprachigen Raum, dass man geistliche Musik nicht nur im kirchlichen, sakralen Raum musizieren sollte, sondern in den Konzertsaal bringen soll. Und das war immer mein Ansatz.
Welchen Stellenwert hat die Musik für Sie persönlich?
Sie ist immer das Zentrum meines Lebens gewesen. Kürzlich las ich von dem Architekten Liebeskind, der sagte: „Auch, wenn ich abseitig sitze und endlich mal spazieren kann, denke ich über Architektur nach. Ich doch das, was ich am liebsten tue, auch in meiner Freizeit nicht abstellen und mir verbieten kann.“ Das empfinde ich in meinem Leben genauso.
Welchen Stellenwert würden Sie der Musik gern verschaffen?
Wenn ich mal ein Beispiel aus meinem Leben zitieren darf. Ich bekleide in Mainz die Stelle des Universitätsprofessors. Das ist eine Funktion, in der ich in meinen Ensembles Chor und Orchester ungefähr 1% der 30.000 Studenten erreiche. Ich wäre glücklich, wenn es uns gelingen würde, alle Menschen mit Musik, vor allem in ihrer Kindheit, konfrontieren zu können, damit sie sich selber prüfen können, ob Musik für sie ein Medium ist, das sie anspricht, mit dem sie Erlebnisse haben. Ich bin sicher, dass wir dann die Anzahl vielleicht verdoppeln, oder verdreifachen können. Im Moment besteht diese Chance nicht. Es ist zuerst einmal das Elternhaus, das diese Erlebnisse vermittelt. Da würde ich gerne einen Beitrag leisten.
Welchen Dirigententraum würden Sie sich gerne erfüllen?
Meinen Sie welches Stück?
Welches Stück, welches Orchester, welchen Chor, welchen Spielort…
Also, mein Leben ist ja eine stetige Weiterentwicklung und ich bin immer trotz anderer Vorurteile konsequent in den von mir selber gedachten Linien geblieben und ich habe mich nie verbogen, mich nie in Institutionen pressen lassen, die mich in einer bestimmten Weise eingeschränkt hätten. Eine Laufbahn durch das Theater als Correpetitor und Zuarbeiter für andere hätte mich nie gereizt. Ich habe meine Institution selber gebaut und sie immer weiter entwickelt. Jetzt bin ich in einem der schönsten Konzertsäle der Welt zu Hause, der Berliner Philharmonie, auch die Bremer Glocke genieße ich und im Rhein-Main-Gebiet ist das Kurhaus Wiesbaden ein schöner Raum. Wir sind in der ganzen Welt mit unserem Ensemble. Wir arbeiten für das Festival in Aix-en-Provence.
Also mein Wunsch ist, im Orchester den gleichen Partner…oder einen in der Qualität immer gleichen Partner zu meiner Chorarbeit zu finden. Vielleicht einen Spielort, einen Dom, als zusätzlichen Spielort, weil ich den kirchlichen Raum in seiner Mystik manchmal in der klaren Atmosphäre des Konzertsaales vermisse. Und mein Wunsch ist es, in der Chorarbeit ständig die Qualität zu verbessern. Die bestehenden Pfeiler, Gutenberg Universität Mainz – Hochschule Bremen – Zelter-Ensemble Berlin, möchte ich musikalisch an die absolute Spitze führen und mit diesen Ensembles den Stellenwert der Chormusik in der Gesellschaft verbessern.
Vielen Dank für das Interview, Professor Joshard Daus!
